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Wohin geht der Strukturwandel in China?

19.2.2013

Unternehmen mit Plänen für den chinesischen Markt sollten zur Beurteilung der künftigen Entwicklung nicht nur auf Wirtschaftsindikatoren achten, sondern auch den Umgang der politischen Führung mit gesellschaftlichen Fragen verfolgen.

Wie lange und wie stark wird China wachsen? Seit Beginn von Reformen und internationaler Öffnung Ende der 1970er Jahre ist die Wirtschaftsleistung des Landes durchschnittlich um 9% bis 10% pro Jahr gestiegen, China hat inzwischen das zweitgrößte BIP der Welt und ist für die EU zu einem der wichtigsten Handelspartner geworden. Zum Beispiel erzielt die deutsche Automobilindustrie einen substanziellen Teil ihrer Umsätze in China – Erfolg auf diesem Markt ist einer der Gründe für das vergleichsweise gute Abschneiden der deutschen Wirtschaft in den letzten Jahren. Ob das seit über 30 Jahren anhaltende Wachstum in China nachhaltig weitergeht, ist nicht nur für die Autobranche, sondern für Unternehmen aus vielen Industriezweigen eine Schlüsselfrage.

Die Wirtschaftskrise von 2008/09 hat gezeigt, wie anfällig die chinesische Wirtschaft aufgrund der Abhängigkeit von Exporten in die USA und die EU geworden ist. Um weniger auf die Aufnahmefähigkeit westlicher Industrieländer angewiesen zu sein, soll die Binnennachfrage künftig einen steigenden Beitrag zum Wirtschaftswachstum leisten.

Viele westliche Unternehmen haben bereits festgestellt, dass eine Verlagerung der Produktion in frühere Niedriglohnländer allein zur Senkung des Personalaufwands oft nicht mehr sinnvoll ist – dazu sind die Personalkosten zu stark gestiegen. Das gilt auch für China, zumindest für die wirtschaftlich hochentwickelten Regionen an der Ostküste des Landes, deren Lohnniveau z. T. deutlich höher ist als im Inland. Wenn dazu noch eine Aufwertung des Renminbi kommt, um Importe zur Abdeckung einer stärkeren Binnennachfrage zu erleichtern, werden Chinas Lohnkostenvorteile noch kleiner. Trotz des bereits gestiegenen Renminbi-Kurses hält Gu in den nächsten Jahren eine weitere Aufwertung von 15% bis 20% für möglich.

Soziale Dimensionen des Wandels

Gesellschaftliche Aspekte können die künftige Wirtschaftsentwicklung erheblich beeinflussen, zum Beispiel eine mögliche Umverteilung des Wohlstands. Es gibt unter anderem ein Gefälle zwischen Küste und Hinterland, denn in den entwickelten Küstenregionen können die Einkommen bis zu viermal höher sein als im Landesinneren. Gu erwartet daher, dass die politische Führung die Entwicklung künftig von den Küsten stärker auf das Hinterland verlagert. Auch die Ein-Kind-Politik hat seiner Meinung nach ausgedient, wenn eine langfristige Überalterung der chinesischen Gesellschaft vermieden werden soll: Der Anteil der 60-jährigen erreichte 2010 13,3% (2000: 10,4%), dagegen ist die Zahl der Jugendlichen unter 16 Jahren auf 16,6% gesunken (2000: 23%). Nach Einschätzung von Gu dürfte die Ein-Kind-Politik bald durch eine „Zwei-Kinder-Politik“ ersetzt werden: Es bleibe der neuen politischen Führung nichts anderes übrig, als das Wirtschaftswachstum durch solche großangelegten Politikänderungen nachhaltig zu gestalten.