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So geht’s besser: Venture-Philanthropie in Europa

15.9.2014

In Europa gab es die ersten als „Venture-Philanthropie“ (VP) bezeichneten Aktivitäten während der 2000er Jahre in Großbritannien. Philanthropie hat dort eine lange Tradition und dafür bereitgestellte Mittel entsprechen etwa einem Prozent des BIP. Im letzten Jahrzehnt ist VP auch nach Kontinentaleuropa vorgedrungen und steht möglicherweise davor, ein wichtiger Bestandteil des philanthropischen Investierens und des Investierens mit sozialer Verantwortung zu werden.

Wirkung oder Rendite?

Was steckt hinter dem Begriff? Im Verständnis der Europäischen Vereinigung für Venture-Philanthropie (EVPA) gehört VP in den „Werkzeugkasten“ von sozialem Investieren und Philanthropie. Ihr Kernziel: finanzielle und andere Unterstützung für Organisationen bereitstellen, die gesellschaftliche, umweltbezogene, medizinische und kulturelle Probleme angehen, um damit die Wirkung der Problemlösungen zu verbessern. Beim Stichwort „Philanthropie“ denkt man vielleicht an die Finanzierung sozialer Initiativen mit nicht rückzahlbaren Spenden, während „Investment“ eher auf einen gewinnorientierten Ansatz schließen lässt. VP bringt beides – und vieles dazwischen – zusammen, da es grundsätzlich um mehr Leistungsfähigkeit der unterstützten Organisationen geht. Sofern dabei eine finanzielle Rendite erwartet wird, ist sie für die Geldgeber von nachgeordneter Bedeutung.

Die gemeinsame Basis

Unterschiedliche Gegebenheiten in den europäischen Regionen und Ländern führen zu einer großen Bandbreite an Aktivitäten und Organisationen, die zu VP gezählt werden. Sie haben eine Reihe wichtiger Gemeinsamkeiten, darunter:

  • Kapazität und Professionalität der unterstützten Organisationen stehen im Mittelpunkt
  • Finanzierungsstrukturen werden am Bedarf der Organisation ausgerichtet und nutzen Spenden, Kapitalbeteiligungen und Kredite
  • Das Management der Organisationen wird auch mit nicht finanziellen Mitteln unterstützt
  • Leistungsorientierung, die auf Transparenz beruht

Pieter Oostlander, Vorsitzender der EVPA, weist darauf hin, dass diese Punkte in Venture Capital und Private Equity etablierte Praxis sind. VP zielt darauf, sie auf den sozialen Sektor zu übertragen – „hier sollen philanthropische Werte mit der Idee des Investierens verbunden werden“, fasst Oostlander zusammen. Wenn Finanzinvestoren sich hinter Wirtschaftsunternehmen stellen, zielen sie auf Wertsteigerungen oder bessere Renditen, VP zielt auf mehr sozioökonomische Wirkung. Unter dem Strich wollen beide mehr Leistung.

10. EVPA-Jahreskonferenz, 17.–18.11.2014

Die bevorstehende Konferenz der EVPA bringt Experten aus den Bereichen Venture-Philanthropie und soziales Investment mit Praktikern aus Europa zusammen. Als Themenschwerpunkt wird die „Zusammenarbeit für mehr Sozialwirkung“ in Podiumsdiskussionen und Workshops behandelt. Außerdem präsentieren sich Sozialunternehmer mit ihren Projekten bei Geldgebern und umgekehrt.

Weitere Themen sind:

  • Aufbau von Partnerschaften mit großen Wohlfahrtsorganisationen, Behörden und Unternehmen
  • Venture-Philanthropie in Deutschland
  • Skalierbarkeit und Exits
  • Analyse der Sozialwirkung

Das Konferenzprogramm spricht erfahrene Praktiker und Interessenten an, die erste Information suchen – es stellt aktuelle Entwicklungen, Best Practices, Hilfsmittel und Lernerfahrungen vor, darüber hinaus bietet die Konferenz eine breite Plattform für Kontakte.

Mehr Information unter www.evpa.eu.com.

Kommunizieren und wachsen

Die EVPA sieht ihre Aufgabe vor allem darin, zu sammeln, zu bearbeiten und zu verteilen, was an Information wichtig ist, Ressourcen und Expertise zur Verfügung zu stellen, Verbindungen herzustellen und den Sektor auszubauen. Dazu organisiert der Verband Besuche vor Ort, Ländermeetings, eine jährliche Konferenz und Workshops. Inzwischen gibt es eine Trainingsakademie und ein Wissenszentrum für die Weiterbildung. Zusätzlich dokumentieren und verfeinern Mitarbeiter der EVPA Best Practises, etwa in Form von Richtlinien zur Analyse der Sozialwirkung.

Die Zahl der EVPA-Mitglieder ist auf über 170 gewachsen, davon 16 aus Deutschland. In der Analyse für 2012/2013 kommt der Verband zu dem Ergebnis, dass die Investitionen von Venture-Philanthropie-Organisationen im Vergleich zur vorhergehenden Untersuchung auf 2,5 Mrd. € gestiegen sind (seit Bestehen der untersuchten Organisationen und einschließlich von Nicht-Mitgliedern). Im Durchschnitt standen den Organisationen mit 6,2 Mio. € 20% mehr Mittel zur Verfügung. Die Zahl der bezahlten Mitarbeiter hatte um 40% auf über 1.000 Personen zugenommen, dazu kam eine weitere Zunahme der bereits substanziellen Unterstützung durch ehrenamtliche Helfer und Organisationen, die unentgeltlich Leistungen bereitstellen.

Eine längerfristige Dokumentation der Entwicklung fehlt zwar noch, aber Oostlander rechnet mit einer Fortsetzung des Aufwärtstrends – die öffentlichen Sozialausgaben werden nach wie vor reduziert, dafür kommen Beiträge von anderer Seite. Der Verband beobachtet außerdem, wie öffentliche Einrichtungen mit VP-Organisationen zusammenarbeiten oder sich zumindest für den VP-Ansatz interessieren. Es scheint so, als würde Venture-Philanthropie wachsen – gegen den Trend der Wirtschaftsentwicklung.