MBO@Halder

Kunststück in Leder

15.4.2014

Gianfranco Lotti ist ein erfolgreicher Unternehmer, der Luxusdamenhandtaschen herstellt: in Scandicci nahe Florenz, mit über 100 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von rund 35 Mio. €. In der Familie Lotti gibt es niemanden, der das Unternehmen weiterführt – im September 2013 löste Halder die Nachfolgefrage bei Bottega Manifatturiera Borse mit einem MBO und Verstärkung der Geschäftsführung durch einen externen Manager.

Und das Wachstum? Die Unternehmensberatung Bain & Company und Fondazione Altagamma, der italienische Luxusgüterverband, führen jedes Jahr eine Studie zum globalen Luxusgütermarkt durch. Aktuelle Ergebnisse: Seit 2000 ist das Marktvolumen von 129 Mrd. € auf 217 Mrd. € gestiegen. Die Krisenjahre 2008 und 2009 verursachten zwar eine Wachstumsdelle, aber der Aufwärtstrend kam schnell wieder in Gang: 2012 und 2013 wurde – in konstanten Wechselkursen gerechnet – ein Plus von 5 % bzw. 6% erreicht. Accessoires, zu denen Lederwaren gehören, und Schmuck sind die treibenden Kräfte, denn in beiden Segmenten hat sich das Volumen seit 2000 mehr als verdoppelt. Accessoires waren 2013 mit einem Anteil von 28% des Luxusgütermarkts auch das größte und stabilste Marktsegment, dessen Umsatz selbst während der letzten Wirtschaftskrise kaum zurückging.

Gute Ausgangsposition

In diesem Umfeld, das von bekannten Namen wie Chanel, Dior, Hermès und Louis Vuitton geprägt wird, hat sich das Unternehmen einen festen Nischenplatz erarbeitet: 1968 gegründet, gilt es bei Damenhandtaschen als einer der besten europäischen Hersteller in Sachen Qualität und Zuverlässigkeit. Höchste Qualität ist ein zentrales Element in der Welt der Luxusprodukte und höchste Zuverlässigkeit eine wesentliche Anforderung der Luxusmarken, die Lederwaren bei Bottega Manufatturiera Borse fertigen lassen. Das Unternehmen ist im Wortsinn eine Manufaktur: Gefertigt wird in der Region Florenz in einem ausgeklügelten Herstellungsprozess und – von einigen Ausnahmen wie Zuschneide- und Nähmaschinen abgesehen – von Hand.

Handwerk, aber anders

Mit der Reichweite der eigenen Marke wachsen die Anforderungen, denn als Lieferant für andere Luxusmarken konnte sich das Unternehmen ganz auf das Produkt konzentrieren. Jetzt kommen u. a. Branding, Marketing und Logistik als Aufgaben hinzu, die Lucá mit erstklassigen Beratern aus dem Luxusgütermarkt lösen will: „Das funktioniert, weil unsere Markenwelt schlüssig und einheitlich sein muss, d. h., wir können sie zentral steuern. Natürlich werden wir auf Produktebene etwa bei Farben, Formen oder Materialien die Anforderungen regionaler Märkte berücksichtigen. Aber es wird auch viele Standardmodelle für alle Absatzgebiete geben.“

Wachsende Stückzahlen, ein breiteres Modellspektrum und wechselnde Kollektionen verlangen größere Kapazität und erhöhen die Komplexität aller Abläufe. Ein neues Produktions- und Verwaltungsgebäude wird bereits erstellt und soll Anfang 2015 bezogen werden, die Einstellung und Qualifizierung neuer Mitarbeiter hat begonnen. „Gleichzeitig führen wir ein Management-Informationssystem ein. Handwerk und Handarbeit werden die zentrale Rolle behalten, aber unsere Planung für Beschaffung, Personal, Produktion und Absatz muss industrielles Niveau haben“, stellt Lucá fest.

Etappenziele für 2014

Der Familienbetrieb Bottega Manifatturiera Borse ist in die Zukunft aufgebrochen. Das wird nicht nur an neuen Kunden und Unternehmensstrukturen erkennbar, sondern auch bald von außen sichtbar sein: Im April startet Gianfranco Lotti einen neuen Internetauftritt. Lucá: „Wir erwarten nicht, dass hier ein wesentlicher Teil unserer Umsätze entsteht. Aber Digital Marketing und E-Commerce sind für unser Konzept unerlässlich – ein Kunde muss die Marke überall schnell finden können.“ Mit der Website stellt sich auch die erste neue Kollektion vor – in der Via Tornabuoni, mitten im Einkaufsviertel von Florenz, kann man sie in die Hand nehmen. Dort wird der erste neue Flagship-Store von Gianfranco Lotti eröffnet. Der nächste ist für den Herbst geplant – in Paris.