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Medical Metal

8.6.2015

Zwischen „Helmut Klingel GmbH CNC-Zerspanung“ und „Klingel medical metal“ liegen fast 30 Jahre - und eine lange, erfolgreiche Unternehmensentwicklung. In Zukunft engagiert sich Klingel noch mehr für Metallpräzision, wie sie vor allem in der Medizintechnik gefragt ist.

Thomas Kroyer, seit April 2014 kaufmännischer Geschäftsführer bei Klingel, nennt drei Gründe dafür, die Positionierung des Unternehmens am Markt mit einem neuen Firmennamen und einem aktualisierten Außenauftritt deutlich zu machen: „Helmut Klingel, der das Unternehmen 1986 mit zwei Mitarbeitern als Lohnzerspaner gegründet hat, ist seit einigen Jahren nicht mehr im Unternehmen. Ein Betrieb, der nur als verlängerte Werkbank mit CNC-Maschinen Lohnaufträge abarbeitet, sind wir auch nicht mehr. Zudem kommen zwei Drittel des Geschäfts bereits aus der Medizintechnik.“

In der EU gehört Klingel mit rund 300 Mitarbeitern und einem Umsatz von annähernd 30 Mio. € für 2014 zu den größeren Anbietern hochpräziser, komplexer Komponenten aus schwer zerspanbaren Werkstoffen wie hochlegierten Edelstählen oder Titan. Kroyer: „Wir liefern die Komponenten, unsere Kunden die Systeme und deren Kunden Gesamtlösungen.“ Zum Beispiel im Gesundheitswesen: Klingel stellt mechanische Baugruppen für einen Weltmarktführer im Bereich OP-Tische her, der wiederum liefert Systeme zur Ausstattung von OP-Sälen.

Klingel ist u. a. nach DIN En ISO 13485 als Hersteller für medizintechnische Produkte zertifiziert. Von den hohen Qualitätsstandards, die zur Erfüllung dieser Norm erforderlich sind, haben auch Kunden Vorteile, die aus Branchen wie der Mess- und Regeltechnik kommen. De facto treiben aber alle Kunden die Qualitätsanforderungen immer höher, etwa bei der Sauberkeit der Endprodukte. Kroyer: „Wir liegen heute schon unter 300µ metallischer Partikel auf dem fertigen Objekt. Zurzeit arbeiten wir mit einem Kunden daran, diesen ‚Restschmutz‘ auf eine Größe von weniger als 100µ zu reduzieren.“ Solche Anforderungen ergeben sich aus dem Kontext, in dem Klingel-Komponenten eingesetzt werden: Will der Kunde z. B. eine Metallmembran auf ein Bauteil schweißen, würden sich Metallpartikel mit einer Größe jenseits des spezifizierten Grenzwerts durch die Membran drücken und die Komponente wäre nicht wie geplant zu gebrauchen.

Das neue Firmenzeichen, Symbol für Metallbearbeitung mit scharfem Werkzeug, steht also nicht für ein Ziel, das erst langfristig erreicht werden soll. Im Gegenteil – organisatorische Änderungen oder ein „Upgrade“ in der Produktion waren nicht erforderlich, um dem neuen Auftritt inhaltlich zu füllen. Kroyer: „Wir sind ohnehin auf dem Weg zur „weißen Fabrik‘, was Ordnung, Sauberkeit, Ausstattung der Produktion oder auch Kleidung angeht. Mit dem neuen Auftritt entspricht das Firmenbild nach außen den tatsächlichen Verhältnissen im Unternehmen.“

Bringt die eindeutige Ausrichtung auf Medizintechnik Risiken mit sich? Kroyer sieht keine Beeinträchtigung des Geschäfts: „Kunden, die aus anderen Branchen als der Medizintechnik kommen, geben uns ja keine Wald-und-Wiesen-Aufträge, sondern bestellen sehr anspruchsvolle Teile und Baugruppen – es geht um komplexe Formen aus schwer zu bearbeitendem Material. Diese Firmen können sich mit dem Qualitätsanspruch, der in ‚medical metal‘ zum Ausdruck kommt, voll und ganz identifizieren.“ Und wer Risiken in der Konzentration auf die Medizintechnik sieht, sollte bedenken, dass es sich um eine sehr große und wachsende Sparte handelt, deren Produktbandbreite von Dentalimplantaten bis zu OP-Tischen reicht. Es gibt zwar sehr große Auftraggeber wie etwa Johnson & Johnson, die von den USA aus weltweit operieren, aber in Europa sind viele mittelgroße Spezialisten aktiv. Letztlich ist die Kundenkonzentration bei Klingel gering: Auf die drei größten Abnehmer entfallen rund 25% vom Umsatz.

Der neue Auftritt von Klingel gehört zur Wachstumsstrategie. Sieht man „medical metal“ als Kategorie, dann passt dazu das organische Wachstum des Unternehmens – 2010 lag der Umsatz erstmals über 20 Mio. € - das auch in den kommenden Jahren weitergehen soll. Eine Akquisition würde genauso unter dieses Dach passen, stellt Kroyer fest: „Es ist viel Bewegung in unsere Industrie gekommen, seit vor allem US-Firmen in Europa nach Investitionsmöglichkeiten suchen. Gleichzeitig wird es für Firmen, die vom Umsatz her deutlich kleiner sind als wir – und davon gibt es viele – immer schwieriger, mit der zunehmenden Regulierung Schritt zu halten. Daher halten wir die Augen offen, würden aber nur ein Unternehmen zukaufen, das auf Medizintechnik fokussiert ist.“

Andere Aspekte der Strategie zielen auf Kundenbindung und Wertschöpfung. Stichwort „design to manufacture“: Klingel wird bei einigen großen Kunden bereits in Forschung & Entwicklung einbezogen – dort, wo es um die Überführung von Kundenideen in ein optimales Produktdesign geht. Dabei werden geplante neue Funktionen oder Eigenschaften solange mit der technischen Machbarkeit oder Wirtschaftlichkeit abgeglichen, bis eine Lösung oder ein Prototyp entsteht. Außerdem sollen einige Prozesse, die bisher nach außen vergeben waren, zum Ausbau von Added Value und Kundennutzen zurück ins Haus geholt werden: 2014 wurde das Laserschweißen ins Leistungsportfolio aufgenommen, 2015 wird Klingel auch das Elektropolieren anbieten und 2016 soll das Anodisieren folgen.

Auch für die Umsetzung der nächsten Wachstumsschritte gibt es bereits Grundlagen. Das unmittelbar anstehende Umsatzwachstum kann noch auf der bestehenden Fläche realisiert werden, danach müsste Klingel Produktion und Logistik erweitern. Aus heutiger Sicht kommen dafür die Optionen bauen oder mieten in Frage, Kroyer will sich aber noch nicht festlegen: „Wir können beides mit unterschiedlichen Partnern hier am Standort realisieren.“

Die Ziele liegen jedenfalls fest. Kroyer: „In den nächsten Jahren soll der Umsatz schon zweistellig wachsen und das Ergebnis Schritt halten.“ Vor allem mit Metallpräzision für die Medizintechnik.