MBO@Halder

Die Herren der (Verdichter-)Räder

16.3.2015

Wer von einem Komponententyp fünf Millionen Stück pro Jahr herstellt, gilt auch in der globalen Automobilzulieferindustrie als „Hausnummer“: Als Qualitätslieferant für Verdichterräder, einem wichtigen Bauteil für Abgasturbolader, ist PRAE-TURBO eine Topadresse. Im Februar 2015 schloss Halder den MBO des Unternehmens ab.

Halder hat sich schon mehrfach an Unternehmen beteiligt, die Automobilfirmen bzw. deren Systemlieferanten mit Maschinen, Bauteilen oder Dienstleistungen versorgen. Zuletzt 2011 an CCN, einem französischen Unternehmen, das ebenfalls Komponenten für Abgasturbolader herstellt – allerdings werden sie auf der „heißen“ Seite des Turboladers verwendet, während die Verdichterräder von PRAE-TURBO auf der „kalten“ Seite des Systems arbeiten.

Heiß & kalt

Verbrennungsmotoren mit Abgasturboladern zu koppeln, heißt „Abfall“ in Leistung zu verwandeln: Die zuvor ungenutzten, heißen Abgase aus dem Motor werden auf eine Turbine geleitet, die direkt einen Kompressor antreibt. Der Kompressor saugt die – verglichen mit der Abgastemperatur – kalte Umgebungsluft an, verdichtet sie und leitet sie dann in die Brennkammern des Motors. Diese „Beatmung“ verbessert die Kraftstoffverbrennung und die Motorleistung steigt.

Der Bedarf wächst: 2014 wurden nach Einschätzung der Strategieberatung Berylls rund 87 Mio. Automotoren gebaut, 2018 werden voraussichtlich 100 Mio. Einheiten überschritten. Gleichzeitig wird beim Anteil von Motoren, die mit Turboladern ausgestattet sind, ein Anstieg von rund 34% auf über 44% erwartet. Da Turbolader bei Dieselmotoren bereits weit verbreitet sind, trägt künftig die Ausrüstung von PKW-Benzinmotoren kräftig zu diesem Anstieg bei.

Hinter dem Trend zum Turbo stehen schärfere Umweltschutzvorschriften: In allen großen Automobilmärkten sollen Verbrauch und Emissionen deutlich sinken. Solange Alternativen wie alltagstaugliche Elektroantriebe für Großserien und die notwendige Infrastruktur nicht zur Verfügung stehen, optimiert die Industrie den Verbrennungsmotor, um künftige Normen zu erfüllen. Eine Möglichkeit ist die Motorverkleinerung, dabei spielen Abgasturbolader eine wichtige Rolle.

High-End ist gefragt

Die Vorgeschichte des MBO bei PRAE-TURBO beginnt mit der älteren und größeren Schwester Präwest Präzisionswerkstätten. Präwest stellte ursprünglich Bauteile für die Automobil- und Flugzeugindustrie her, konzentrierte sich bei wachsendem Geschäft auf den Luft- und Raumfahrtmarkt und verlagerte das Automobilgeschäft 2003 auf die Neugründung PRAE-TURBO in Schwanewede bei Bremen. Die anhaltende Expansion beider Firmen führte 2014 zur Entscheidung der Inhaber, der Familie des Gründers Dr. Heinz-Rudolf Jung und Mitgründer Reiner Wahlers, sich ganz auf Präwest zu konzentrieren und für PRAE-TURBO neue Gesellschafter zu suchen.

Der Erfolg von PRAE-TURBO beruht wesentlich auf der strategischen Entscheidung für „High End“. Bewegliche Teile von Turboladern wie Verdichterräder sind extremen Belastungen ausgesetzt, ihre Standfestigkeit ist entscheidend für die Lebensdauer des gesamten Aggregats. Durch das Fräsen auf modernsten CNC-Anlagen können Verdichterräder aus Aluminium- und Titanlegierungen in einer Präzision gefertigt werden, die sie besonders belastbar machen und ihre Laufleistung erhöhen.

Hier ist PRAE-Turbo zuhause: Das Unternehmen war von Anfang an auf das Drehen, Fräsen und Wuchten von Kompressorrädern aus hochfestem Material ausgerichtet und hat aus seinem Know-how einen zuverlässigen, effizienten und weitgehend automatisierten Fertigungsprozess entwickelt. Dadurch können die zuletzt 235 Mitarbeiter an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr produzieren. Mit dieser Kapazität ist die absehbare Nachfrage auf mittlere Sicht allerdings nicht mehr abgedeckt. Im vergangenen Jahr wurde eine neue Fabrikhalle gebaut, mit der sich die Produktionsfläche in Schwanewede auf über 7.000 qm verdoppelte. 2015 wird die Halle mit neuen CNC-Anlagen ausgestattet, mittelfristig soll die erweiterte Fertigung annähernd doppelt so viele Verdichterräder produzieren wie 2014, vor allem für den PKW-Sektor.

Viel Dynamik

Das klingt ambitioniert. Vorausgesetzt, die Markteinschätzung stimmt, erscheint die Planung aber weder unrealistisch noch PRAE-TURBO mit der Realisierung überfordert: In den ersten Jahren war das Unternehmen auf den Nutzfahrzeugmarkt ausgerichtet, der Eintritt in das PKW-Segment erfolgte 2011. Anschließend wurde in kurzer Zeit ein hohes Auftragsvolumen akquiriert und parallel die Produktion ausgebaut. Oliver Romano war von Anfang an an vorderster Front dabei: Er wechselte 2004 von Präwest zu PRAE-TURBO und wurde 2007 Geschäftsführer. Zusammen mit mehreren anderen Managern hat Romano beim MBO eine Beteiligung erworben – dieses Team traut sich zu, den früheren Wachstumsschritt auf dem aktuellen Niveau zu wiederholen. Entsprechend sehen die Umsatzerwartungen für die nächsten Jahre aus: 2015 und 2016 soll deutliches Wachstum gegenüber 54 Mio. € von 2014 erreicht werden.

PRAE-TURBO will nicht nur in die Höhe, sondern auch in die Breite wachsen – geografisch gesehen: In Europa ist die Marktdurchdringung mit Turboladern weit fortgeschritten, dagegen bietet der nordamerikanische Markt mit seinen fast ausschließlich benzingetriebenen und eher großvolumigen PKW-Motoren hohes Potenzial. Die zunehmende Motorisierung in den asiatischen Industrieländern kommt hinzu.

Andererseits ist der Automobilmarkt global und die Kunden von PRAE-TURBO, die Autofirmen mit kompletten Systemen versorgen, sind weltweit aktiv. Das heißt für ihre Zulieferer, die eigenen Strukturen immer wieder anzupassen – die Abnehmer wollen zumindest in allen großen Märkten – Europa, NAFTA und China – just-in-time die gleichen Produkte bekommen, weil sie selbst dort produzieren. Werden Stückzahlen überschritten, die sich zeit- und kostengerecht in Europa herstellen und in die Zielmärkte transportieren lassen, steht die Internationalisierung der Produktion an.

Für die Nutzung des internationalen Marktpotenzials durch lokale Fertigung gibt es im Portfolio von Halder ein Vorbild – CCN. Dieses Unternehmen betreibt schon Fabriken in Europa, Mexiko und China und seine Erfahrungen sollen dabei helfen, die Lernkurve von PRAE-TURBO bei der Internationalisierung der Produktion deutlich zu verkürzen.