MBO@Halder

Mittelständler als Kosmopoliten

18.12.2009

Als Vorsitzender des Halder-Beirats weiß Dr. Wilfried Kaiser aus langer Beteiligungserfahrung, daß die Auslandsorientierung des deutschen Mittelstands ständig zugenommen hat: „Internationale Präsenz ist bei größeren Mittelständlern Standard.“ Daten aus der Wirtschaft unter-streichen diesen Eindruck: Nicht nur Großunternehmen, auch Mittelständler verfolgen umfassende Auslandsaktivitäten – schon seit vielen Jahren.

Mehr exportieren …

Das KfW-Mittelstandspanel für 2008 zeigt, daß 27% der mittelständischen Unternehmen Geschäfte im Ausland machen, vor allem durch Exporte. Die EU ist das wichtigste Spielfeld von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), hier entstehen fast drei Viertel ihrer Auslandserlöse. Nur etwa 7% der KMU sind außerhalb Europas aktiv. Dazu gehören die Halder-Beteiligungen Geka Brush, die in Chicago produziert, und VAG mit Fabriken in China und Indien. Ihre aktuellen Auslandsprojekte werden auf den nächsten Seiten vorgestellt.

Es geht aber um mehr als Exporte: Dauerhafte internationale Präsenz entsteht nicht allein, indem Produkte zum Kunden verfrachtet werden; Vertriebsorganisationen, Servicenetze und Fabriken im Zielmarkt müssen hinzukommen. Das wissen die Firmen natürlich. Nach Analyse der Bundesbank lagen die direkten Auslandsinvestitionen deutscher Unternehmen – gemessen am Nettokapitalexport – in der Zeit von 1991 bis 2000 über € 400 Mrd. und sind in den unmittelbaren Folgejahren weiter gewachsen. Laut den Investitionsplänen von Industrieunternehmen, die ihre Infrastruktur im Sektorenvergleich am stärksten internationalisiert haben, hat diese Tendenz angehalten.

… mehr investieren

Eine Umfrage des Deutschen Industrie-und Handelskammertags von 2008 zur Standortpolitik der Industrie zeigt einen klaren Trend: Im Jahr 2000 planten 36% der Firmen Auslandsinvestitionen, 2007 waren es 43%. Selbst 2008, als es erste Hinweise auf einen Abschwung gab, wurde das hohe Niveau gehalten: Nur 11% der Unternehmen hatten ihre Budgets für internationale Projekte gekürzt. Die Industrie sieht ihre Chancen auf den Auslandsmärkten und will sich weiterentwickeln, nicht zurückstecken.

Es liegt auf der Hand, daß der Umfang internationaler Engagements auch durch die Unternehmensgröße beeinflusst wird: Großunternehmen haben oft schon aufgrund der vorhandenen Strukturen einen höheren Investitionsbedarf als KMU. Zwei Drittel der großen Firmen – mehr als 1.000 Beschäftigte – wollen im Ausland investieren. Aber der Mittelstand ist nicht weit entfernt: Über die Hälfte der Unternehmen mit 200 bis 1.000 Mitarbeitern plant Auslandsprojekte. In diese Größenklassen fallen auch Geka Brush (600 Mitarbeiter) und VAG (1.000 Mitarbeiter).

Die vollständigen Ergebnisse der Umfrage finden Sie hier (Download)

Europa – alt und neu

Wohin fließen die Investitionen? Dorthin, wo Absatzchancen oder Produktionsbedingungen attraktiv sind. Die Bundesbank stellt fest, daß bis 2004 etwa die Hälfte der direkten Auslandsanlagen von Unternehmen auf die EU vor der Osterweiterung entfiel, weitere 30% auf die USA. 2004 traten zehn mittel- und osteuropäische Länder der EU bei und ihre neuen Marktwirtschaften kamen auf die Liste der Investitionsziele. Die asiatischen Schwellenländer hatten zu diesem Zeitpunkt nur geringe Bedeutung. Ausnahme: China. Dort hatten sich die Investitionen von 1994 bis 2004 verzehnfacht, machten aber gerade 1% des Gesamtbestands an Auslandsinvestitionen aus.

Der Standort China spielt inzwischen eine deutlich größere Rolle: Ein Drittel der Firmen will dort investieren, damit liegt das Land nach der EU (ohne Osterweiterung) und den Beitrittsländern von 2004 auf dem dritten Platz der Prioritätenliste. China ist attraktiv: Als Motivation für das Engagement stehen Markterschließung bzw. -pflege – z.B. durch den Ausbau von Vertrieb und Kundendienst – ganz vorn. Auch die Rahmenbedingungen für die Produktion sind wichtig, China gilt nicht ohne Grund als „Fabrik für die Welt“.

Näher am Kunden

Für das Management der Halder Portfoliofirmen Geka Brush und VAG zählten beim Aufbau internationaler Produktionskapazitäten vor allem Marktpotenzial und Kundennähe. Das ist viel mehr als Pflichtinhalte von Strategiepräsentationen: Für Geka Brush als Hersteller von Kosmetikapplikatoren und -verpackungen reicht es nicht zu wissen, daß ein Drittel vom Absatz auf die USA entfällt, weil hier u.a. Procter & Gamble oder Avon sind. Mit diesen Kunden kann man viel besser arbeiten, wenn vor ihrer Tür produziert wird. VAG als Anbieter von Großarmaturen für die Wasserwirtschaft hat in China bereits die zweite Fabrik gebaut: Urbanisierung bedeutet Ausbau der Wasserversorgung, die Pipelinenetze werden immer größer – Dimensionen und Gewicht der Ventile zur Steuerung des Wasserdurchsatzes in den Netzen auch. Dafür ist lokale Fertigung die beste Lösung.

Dazu kommt noch etwas anderes: Produktionsstandorte nahe beim Kunden schaffen Vertrauen. Wer im Markt produziert, will dort bleiben und ist auch nach einem Abschluß noch ansprechbar – für Wartung, Beratung und Folgeaufträge. Erfolg auf Auslandsmärkten ist das Ergebnis von langfristigem Engagement, keine Eintagsfliege.