MBO@Halder

Näher als gedacht

15.9.2014

Eine Unterhaltung mit Sherman Abe, Halders Senior Advisor für Japan, führt zu Themen, die man in Deutschland gut kennt: Überalterung der Gesellschaft, schleppendes Wirtschaftswachstum im Inland, Konzentration auf Exporte und, im Zusammenhang mit Private Equity, wenig verkaufsbereite Firmeninhaber. Das klingt vertraut.

Sherman Abe arbeitete 25 Jahre lang im oder nahe am Finanzsektor, u. a. bei Merrill Lynch in Tokio und Credit Suisse in Tokio, London und New York. Er hat umfassende Erfahrung in internationalen M&A-Transaktionen und Finanzierungen. Anschließend wurde er Partner bei der Personalberatung Korn/Ferry in San Francisco. 2000 gehörte er zur Gründungsfakultät des ersten Vollzeit-MBA-Programms in Japan, das von einer nationalen Universität angeboten wurde. In den Folgejahren war er stellvertretender Dekan und hält bis heute Vorlesungen an der Hitotsubashi University Graduate School of International Corporate Strategy (ICS) in Tokio.

Wie sind Sie mit Halder zusammengekommen?

Ich lernte Paul De Ridder vor acht Jahren kennen, als Halder noch Teil der Gimv-Gruppe war. Ich war als Berater für Asien zuständig und es gab regelmäßige Treffen. Ich war allerdings nie in Deutschland – den Frankfurter Flughafen ausgenommen –, bis ich 2014 das ganze Halder-Team kennenlernte und zwei Portfoliofirmen besucht habe.

Worum geht es für Halder in Japan?

Zum einen um Investoren: Halder wird einen neuen Fonds auflegen und die Mittel sollen wieder von internationalen institutionellen Kapitalgebern kommen. Dazu werden eventuell auch japanische Institutionen gehören. Außerdem kommt der japanische Markt für einige Portfoliofirmen von Halder bei der Internationalisierung des Geschäfts in Frage.

Wie entwickelt sich Japan?

Japan hat eine reife Wirtschaft mit wenig Binnenwachstum, was auf Faktoren wie die Überalterung der Gesellschaft und einen langsamen Bevölkerungsschwund zurückgeht. Die restriktive Einwanderungspolitik des Landes löst das Problem nicht – das ist ein Grund dafür, warum externes Wachstum gebraucht wird. Japan ist unverändert ein starkes Exportland, aber die „Exporte“ entstehen zunehmend aus Direktinvestitionen außerhalb des Landes. Lange stand Asien im Mittelpunkt der japanischen Auslandsinvestitionen – kein Wunder bei dem hohen Wachstum und dem Potenzial der Region. Auf der anderen Seite fehlt dort oft die politische Stabilität, etwa in Thailand, daher ist eine gewisse geografische Diversifikation sinnvoll. Das führt nach Europa, speziell nach Deutschland, dort ist die Stabilität höher. Dazu kommt in Deutschland ein hohes Maß an Transparenz, das gut für Produktions- und Finanzinvestitionen ist.

Wie wirkt sich die Eurokrise aus?

Die „Abenomics“ haben zu einer deutlichen Abwertung des Yen gegenüber dem US-Dollar und dem Euro geführt. Daraus sind seit Anfang 2013 noch bessere Voraussetzungen für japanische Exporte entstanden – kurzfristig. Eine langfristige Erholung Japans setzt aber grundlegende Strukturveränderungen voraus und ich sehe die Maßnahmen von Premierminister Abe dazu positiv. Als Folge investieren japanische Unternehmen heute stärker in deutsche Firmen: Grohe, einer der international führenden Armaturenhersteller, wurde 2013 für 3 Mrd. € von Lixil übernommen. Im Mai 2014 hat der Automobilzulieferer Nifco für 70 Mio. € die deutschen Zulieferer KTW und JK gekauft. Es gibt noch mehr Beispiele, allerdings sind die beteiligten Firmen kleiner.

Wie funktioniert das auf der kulturellen Ebene?

Dieses Jahr war ich unter anderem bei Helmut Klingel. Sie glauben gar nicht, wie sehr mich das Treffen mit dem Management und die Fabrikbesichtigung an ein japanisches Unternehmen erinnert haben! Sehr professionelles Management, technisches Know-how und Detailorientierung, eine sehr gut organisierte und saubere Fertigung plus ausgezeichnete Produkte. Und die meisten Anlagen kommen aus Japan! Ich sehe auch Gemeinsamkeiten in den mittelständischen Unternehmenskulturen: Japanische Inhaber verkaufen nicht so schnell, weil sie eher ein ganzheitliches Verständnis davon haben, was ein Unternehmen ist und wie man alle Beteiligten behandeln sollte. Es geht ihnen nicht nur um einen Vermögensgegenstand, den man verkaufen kann, sondern um die Lebensgrundlage vieler Menschen – Familienunternehmen in Deutschland scheinen ähnlich zu denken. Darum fehlt es in Japan an Beteiligungsmöglichkeiten und Private Equity ist nicht so aktiv, wie einige globale Player es sich wünschen würden.

Dieses Problem gibt es auch in Deutschland.

Nicht im gleichen Ausmaß, wie man an der Entwicklung von Halder sieht!