MBO@Halder

Auf der Suche nach dem Wendepunkt

21.8.2009

„Prognosen sind unsicher, vor allem in Bezug auf die Zukunft.“ Dieser u. a. Winston Churchill zugeschriebene Kommentar gilt weiter, denn Szenarien zur allgemeinen Konjunkturentwicklung haben Lücken. Es lohnt sich, zusätzlich einzelne Branchen und Unternehmen anzusehen.

Mitte 2009 schlugen einige Frühindikatoren für die Konjunktur ins Positive um, z. B. ZEW-Index und ifo-Geschäftsklimaindex. Vorzeichen für das Nachlassen der Rezession? Immerhin schien das Plus des ZEW-Index, der die Zukunftsperspektive von Finanzmarktteilnehmern wiedergibt, durch die Erholung der Börsenkurse im zweiten Quartal bestätigt zu werden. Ein steigender Geschäftsklimaindex steht dagegen im Widerspruch zu den Nachrichten aus der Wirtschaft. Dieser Index zeigt die Einschätzungen der aktuellen Lage und der kommenden Monate, abgegeben von deutschen Unternehmen bei einer regelmäßigen Befragung. Da die Firmen ihre Lage noch zurückhaltend beurteilen, deuten die besseren Indexwerte vor allem auf Hoffnungen für das zweite Halbjahr oder 2010 hin.

Konjunkturszenarien und ihre Lücken

Die Grunderwartung lautet: 2009 wird ein Minusjahr mit kleiner werdenden Rückschritten beim BIP, dem 2010 eine Stabilisierung folgt. Das lässt vieles offen: Die letzte Rezession nach einem „Trauma“ begann nach dem Platzen der „Internetblase“ von 2000, gefolgt vom Anschlag des 11. September 2001. Sie dauerte zwei Jahre lang. Legt man den Anstieg des BIP von 3,2 % für 2000 zugrunde, folgten sogar drei Jahre mit nachlassendem Wachstum. Das Timing des nächsten Aufschwungs festzumachen, ist keine leichte Übung.

Wie weit der Konsum trägt, hängt vor allem von der Beschäftigung ab. Bereits Ende 2008 rechnete die Bundesagentur für Arbeit im Folgejahr mit einer deutlich steigenden Arbeitslosigkeit – und nach der Rezession von 2002/03 führte die schlechtere Beschäftigungslage jahrelang zu weniger Konsum. Erst 2008 nahmen die privaten Ausgaben um deutlich mehr als 2 % zu – in den 90er Jahren waren es durchschnittlich 3,2 % p. a. Im Herbst 2009 wären Konsumschwächen nach Auslaufen der Kurzarbeit plausibel.

Und der Export als wesentlicher Wachstumstreiber? Wesentliche Nachfrageimpulse werden von den neuen Lokomotiven Asiens erwartet, China und Indien. Für den bisherigen „Exportweltmeister“ Deutschland, dessen Ausfuhren 2008 € 993 Mrd. erreichten, sind das wichtige Zukunftsmärkte. Aber noch sind die Gewichte anders verteilt: Letztes Jahr gingen 75 % der Exporte in europäische Länder, die Schweiz war ein größerer Abnehmer als China. Für die Länder des Euroraums erwartet die EZB zurzeit ein BIP-Minus zwischen 4,1 % und 5,1 %, 2010 sollen es zwischen –1% und +0,4 % werden. Wenig Spielraum für deutlich steigende Exporte aus Deutschland.

Mikro vs. Makro

Konjunkturszenarien sind bei aller Unsicherheit eine wichtige Referenz für unternehmerische Planung. Gesamtwirtschaftliche Faktoren müssen dabei aber nicht die Hauptrolle spielen, wie das Beispiel der Halder-Beteiligung VAG zeigt. Der Hersteller von Großarmaturen für die Wasser- und Abwasserwirtschaft hat sich auf Wachstumsmärkte ausgerichtet, eine internationale Logistik und in China und Indien lokale Produktion aufgebaut. Am hohen Bedarf dieser Länder an Wasserwerken, Kläranlagen und der dazugehörenden Infrastruktur hat sich durch die Wirtschaftskrise nichts geändert. Da solche Projekte normalerweise über Jahre realisiert werden, werden sie von konjunkturellen Schwankungen in der Regel kaum beeinflusst.

Andere Unternehmen profitieren von einer „Insellage“: In einer Rezession schlägt der schwächere Konsum generell auf die Ausgaben für Kosmetikartikel durch, für das Teilsegment dekorative Kosmetik gilt das nur eingeschränkt: Weil Verbraucher z. B. auf Lipgloss und Mascara nicht verzichten wollen, verzeichnet Geka Brush als Hersteller von Verpackungen und Applikatoren für diese Produkte eine nahezu ungebrochene Nachfrage.

Und wenn man sich dem Abschwung nicht entziehen kann? In einer Rezession kürzen Unternehmen ihre Reisebudgets, Verbraucher machen weniger oder weniger aufwändig Urlaub. Daraus entsteht u. a. eine niedrigere Bettenauslastung von Hotels und das trifft ADA als Lieferanten von Hotelkosmetik. Welche Gegenmaßnahmen von intelligenten Kostensenkungen bis zu neuen Vertriebskonzepten man ergreifen kann, zeigt der Beitrag ab Seite 3.

In einer Rezession die Strategie zu wechseln, wäre für diese Firmen falsch: Wenn die langfristige Perspektive stimmt, muss man sich auf die aktuellen Turbulenzen einstellen und durchkommen. Welche Form diese Anpassung annimmt, hängt nicht nur von den Marktbedingungen ab: Die Qualität von Geschäftsmodell und Management ist besonders wichtig – Krisen sind „Teststrecken“ dafür.